Umgang mit Beteiligung von ZwangsarbeiterInnen bei Bauprojekten in der NS-Zeit

Im unmittelbaren Zentrum der Stadt Salzburg, gut sichtbar am Beginn der Staatsbrücke, der wichtigsten Brücke über die Salzach, befindet sich mitten im öffentlichen Raum eine Installation, mit der der mehreren Hundert Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter gedacht wird, die für die Errichtung dieser Brücke in den Kriegsjahren zwangsweise und unter Erbringung großer Opfer herangezogen wurden.

Installation Gedenken Staatsbrücke Salzburg Stadt

Einer der ersten Gedanken die mir bei der Analyse dieses sichtbaren, deutlichen Zeichens eines offenen, Gerechtigkeit und Gedenken übenden Umganges mit Geschichte und historischer Verantwortung kamen, war die sehr bedeutsame Rolle, die ZwangsarbeiterInnen und Kriegsgefangene bei der Errichtung der Kraftwerksanlagen der Vorarlberger Illwerke AG in meiner Heimat Montafon gespielt haben. Bei der Recherche nach Informationen aus dieser Zeit und zu diesem Thema musste ich zu meinem Bedauern aber feststellen, dass als Gegensatz zu dieser Geste in Salzburg Stadt andere Institutionen wie eben die Vorarlberger Illwerke AG bei der Würdigung dieses Themas aus ihrer eigenen Geschichte leider weniger sensibel, offen und gerecht vorgehen.

Auf der aktuellen Homepage der Vorarlberger Illwerke wird in der Geschichte des Unternehmens, die insgesamt leider sehr knapp gehalten ist, die Zeit des 2. Weltkriegs geschickt aber für mich offensichtlich umschifft, indem die Abschnitte der Unternehmensgeschichte in „1. Republik“, „2. Republik“ und „EU-Mitgliedschaft“ eingeteilt werden. Zwar wird in einem Satz am Ende der Periode „1. Republik“ auf die Beschäftigung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen eingegangen, was bei der Kürze der Darstellungen zur Geschichte des Unternehmens schon fast wertvoll ist. Auch bei der Beschreibung der Baugeschichte der einzelnen Kraftwerksanlagen wird auf das Thema kurz eingegangen. Welche Informationen etwa in den Schauräumen der Kraftwerke vor Ort und bei den Werksbesichtigungen vermittelt werden ist mir leider nicht bekannt. Wirklich detaillierte Informationen bietet dagegen der Eintrag zu den Vorarlberger Illwerken auf Wikipedia, der in Detaillierungsgrad und Dichte in etwa dem entspricht, wie ich mir das auf der Homepage für die gesamte, spannende Geschichte der VIW gewünscht hätte.

Detail Abschitte Unternehmensgeschichte, Homepage

Bei der Errichtung der Kraftwerke in Kaprun wurden laut Wikipedia nur vergleichsweise sehr bescheidene 5% der Bauleistung in der Nazi-Zeit erbracht, der ungenügende Umgang der Betreiber mit diesem Teil der Unternehmensgeschichte hat trotzdem Wellen geschlagen und die spätere Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sogar zu dem kritischen Theaterstück „Das Werk“ bewegt, das 2003 veröffentlicht wurde. Dagegen stieg laut Wikipedia die Stromproduktion der Vorarlberger Illwerke als Folge der sehr intensiven Bautätigkeit im 2. Weltkrieg um mehr als 240 Prozent, das angesprochene Thema hat hier also eine um etliche Dimensionen größere Bedeutung für das Unternehmen.

Werkanlagen Illwerke AG, eingefärbt Errichtung im II. Weltkrieg, Original Schaubild: Illwerke Homepage

Wenn aber die Stadt Salzburg für die Errichtung einer vergleichsweise kleinen Brücke ein derartiges Symbol setzen kann, dachte ich mir, wird die VIW Ähnliches auch für die um ein Gigantisches größeren Beiträge in ihrem Fall tun können. Aber weit gefehlt, bei meiner Recherche bin ich weder auf ein gut zugängliches, sichtbares Denkmal im öffentlichen Raum, noch eine wie bei anderen Unternehmen erfolgt wirklich gute, nachhaltige Aufarbeitung der eigenen Geschichte gestossen. Zumindest gibt es seit 2003 eine eigene Gedenktafel speziell für die Opfer und Leistungen der ZwangsarbeiterInnen an einer Seitenwand der Barbara-Kapelle auf der Bielerhöhe, was sehr begrüßenswert ist.

Gedenken Illwerke Barbarakapelle Bielerhöhe

Neben dem Nachhaltigkeitsbericht, in dem anscheinend ein Bereich diesem Thema gewidmet ist, gibt es einzig eine wissenschaftlich umstrittene, einer breiten Öffentlichkeit nicht wirklich zugängliche Dissertation, die von den VIW in Auftrag gegeben wurde. Zwar wurden vor einiger Zeit auch einige noch lebende Zwangsarbeiter nach Vorarlberg eingeladen, auch von bescheidenen Entschädigungen in den letzten Jahren habe ich reden hören.

Dieses Bild das sich mir insgesamt bietet beim Umgang der Vorarlberger Illwerke mit diesem wichtigen Thema und wichtigen Aspekt ihrer Geschichte hat mich als gebürtigen Montafoner und früheren, engagierten Mitarbeiter der VIW in zwei sehr spannenden Ferialpraktika beschämt und nachdenklich gemacht. Gerade die VIW, die ihre gesellschaftliche Verantwortung, Vorbildwirkung und ihr positives Image und Unternehmensbild so betont und pflegt, ist für mich hier auf beschämende, offensichtliche Weise fast völlig säumig, ergeht sich in Alibi-Aktionen und stellt sich nicht wirklich und nachhaltig ihrer eigenen Geschichte und den Zusammenhängen.

Gerade der großangelegte Umbau des Standortes Rodund wäre für mich auch eine tolle, große Chance, hier mit einem sichtbaren, präsenten Zeichen eine wirklich ernsthafte, gute, nachhaltige Beschäftigung mit dem Thema und einen Sinneswandel zu demonstrieren. Da die Bauarbeiten noch im Laufen sind, könnte wohl noch ergänzend, ohne hohe Zusatzkosten etwas bewegt, angepasst und verbessert werden. Der Standort Rodund ist auch historisch bestens geeignet, wurde hier doch während des 2. Weltkriegs ebenfalls massiv gebaut, und weit stärker öffentlicher Raum und zugänglicher als die abgelegene Barbara-Kapelle auf der Bielerhöhe. Auch ein anderer Ort für ein Denkmal, etwa an gut sichtbarer Stelle in Bregenz, auch am Hauptsitz der VIW, wäre für mich wunderbar. Entscheidend ist neben der Gestaltung des Denkmals selbst letztlich die Sichtbarkeit und Integration im öffentlichen Raum, auch die Erreichbarkeit.

Gedenktafel Seitenwand Barbarakapelle Bielerhöhe

Ergänzend könnten Veranstaltungen und Diskussionsreihen, ein öffentliches Gedenkarchiv, ein Verein zum Halten des Kontakts mit den ZwangsarbeiterInnen und ihren Nachkommen, Schulprojekte oder auch die Stiftung eines Preises für wertvolle Arbeiten zu diesem Thema stehen.

Neben diesem symbolischen Zeichen der Würdigung fände ich es auch besonders wichtig, den Prozess der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte neu anzustossen. Absolut untragbar ist für mich, dass nach wie vor anscheinend die Archive und Unterlagen der VIW für unabhängige, interessierte und wissenschaftlich ausgewiesene HistorikerInnen und ForscherInnen auch von öffentlichen Vereinen, Institutionen und Archiven unzugänglich sind. Dieser für ein Unternehmen mit einer derart exponierten Position, das sich in öffentlicher Hand und Eigentum befindet, untragbare Zustand ist wohl sehr schwer zu erklären, speziell da es um eine längst vergangene Zeit geht und nicht um Geschäftsgeheimnisse oder andere heikle Informationen. Hier würde ich mir eine solide, öffentliche und breitangelegte Beschäftigung und Debatte wünschen, wie das in anderen Unternehmen und Institutionen bereits möglich war. Bin absolut überzeugt, es werden damit bei fachlich qualifizierten HistorikerInnen und ForscherInnen in der Region, im In- und Ausland offene Türen eingerannt.

Ein erster, sofortiger, schnell und kostengünstig umzusetzender Schritt könnte auch die Überarbeitung der sehr spannenden Geschichte der VIW im Internet sein, indem der Detaillierungsgrad deutlich erhöht wird, wie das auf Wikipedia vorgemacht wurde.

Mein Anliegen liegt mir rein persönlich am Herzen, als gebürtiger Montafoner, überzeugter Fan der Leistungen und Integrität der Vorarlberger Illwerke AG und engagierter Ex-Mitarbeiter aber vor allem als politisch und historisch sensibler Mensch, dem Gerechtigkeit und Anerkennung von Leistung am Herzen liegen. Nach einem Email, das ich an die allgemeine Kontaktadresse der Vorarlberger Illwerke gesandt habe, wurde ich von einem offiziellen Vertreter des Unternehmens telefonisch kontaktiert. Bei diesem langen, informativen, freundlichen Gespräch wurde mir wortreich der Standpunkt des Unternehmens, dass der Status Quo ausreichend sei, deutlich gemacht und das Thema und die bisherigen Maßnahmen aus Sicht des Unternehmens dargelegt, was nur bedingt befriedigend war. Zumindest bei der Darstellung der Geschichte auf der Homepage wurde mir aber ein gewisses Entgegenkommen signalisiert. Das Argument, die Illwerke selbst hätten gar keine Zwangsarbeiter beschäftigt sondern nur die beauftragten Unternehmen wurde zwar vorgebracht, aber gleich wieder – zu Recht wie ich meine – abgeschwächt.

Bei meinem Engagement geht es mir keinesfalls um wirtschaftliche Interessen, Schuldzuweisungen, späte Rache oder das Anpatzen eines Unternehmens für vergangene Handlungen, sondern einzig um Gerechtigkeit und Fairness, Bewußtsein für Geschichte und Vergangenheit, gut sichtbare und öffentliche Anerkennung der grossen Beiträge, erzwungenen Opfer und Leistungen einer damals geächteten, geschundenen und rechtlosen Gruppe von Menschen, die Großes beigetragen und geleistet haben, zwangsweise und unter schlimmen Umständen und Vorzeichen, für ein Unternehmen das sie nicht kannten, für ein Land in dem sie weder geboren waren noch lebten.


Reaktionen auf Initiative:

Artikel vom 28. Juni in „VN“ auf Seite A7:

Zwangsarbeit wird aufgearbeitet

Landtagsausschüsse: Politik gibt Heimatmuseum Schruns einen sensiblen Auftrag. BREGENZ. (VN-ib,ad) Mehrere Landtagsausschüsse tagten gestern, wie immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Während die Pforten zu den Ausschüssen also weiter geschlossen bleiben, werden im Sommer die Türen geöffnet, zumindest zu den Archiven: Das Heimatmuseum Schruns wird beauftragt, die Aufarbeitung der Geschichte der Zwangsarbeiter in Vorarlberg zu analysieren.

„Nicht weitreichend genug“

„Im heutigen Kultur- und Bildungsausschuss wurde klargestellt, dass die Erinnerungsarbeit zu den Zwangsarbeitern auf Baustellen der Illwerke nicht weitreichend genug ist“, stellt SPÖ-Chef Michael Ritsch fest. Er hievte das Thema auf die Tagesordnung, nachdem ein Bürger sich intensiv damit auseinandergesetzt hatte. „Aus diesem Grund wird nun das Heimatmuseum Schruns beauftragt, bis zum Herbst Vorschläge und Ideen für eine Intensivierung der Erinnerungsarbeit auf den Tisch zu legen“, ergänzt Grünen-Klubchef Johannes Rauch. Im Herbst soll das Thema wieder im Ausschuss behandelt werden.

Artikel vom 21. Juli in „VN“ auf Seite A5

Zwangsarbeit in NS-Zeit im Fokus

Neuer Gedenkort für Zwangsarbeiter bei den Illwerken? Diskussion im Kulturausschuss.

BREGENZ. (VN-ib) Dass manche Kraftwerksanlagen der Vorarlberger Illwerke stehen, ist unfreiwilliger Arbeit zu verdanken: In der NS-Zeit wurden Tausende Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene zur Arbeit, etwa an Staumauern, genötigt.

Die SPÖ setzt das Thema nun auf die Tagesordnung des Landtags-Kulturausschusses am kommenden Mittwoch. „Land Vorarlberg und insbesondere die Vorarlberger Illwerke scheinen es verdrängen zu wollen“, bemerkt SPÖ-Chef Michael Ritsch. Anlass ist das Schreiben des in Salzburg lebenden Montafoners Martin Borger. Er sieht die Geschichte der Illwerke in der Zeit des Dritten Reichs mangelhaft aufgearbeitet. Borger schlägt in Vorarlberg ein besser zugängliches Denkmal vor, etwa beim neuen Kraftwerksbau Rodund. Die Gedenktafel an der Bielerhöhe sei zu wenig.

„Umfassende Aufarbeitung“

„Es geht darum, das Thema im öffentlichen Raum sichtbarer zu machen“, sagt Ritsch. Er hat auch den Vorstandsvorsitzenden der Illwerke, Ludwig Summer, eingeladen, an der Diskussion teilzunehmen. Dieser werde jedenfalls teilnehmen, erklärt Summer gegenüber den VN. „Wir sind der Meinung, dass wir uns dem Thema intensiv gewidmet haben. Es gibt eine umfassende Dissertation, wir haben beachtliche finanzielle Leistungen erbracht und gemeinsam mit der Malin-Gesellschaft auf der Bielerhöhe eine Gedenktafel angebracht“, rechtfertigt Summer.

Die Gedenktafel sieht er an der Bielerhöhe am richtigen Ort, schließlich wurde dieser Standort einvernehmlich festgelegt. Für Diskussionen über einen weiteren Gedenkort sei er aber offen.

Artikel vom 20. Juni auf VOL.at: http://www.vol.at/zwangsarbeit-in-der-nazi-zeit-%E2%80%93-kraftwerksbau-im-kulturausschuss/3286225

Artikel vom 20. Juni auf ORF Vorarlberg: http://vorarlberg.orf.at/news/stories/2537952/

Rezension im Blog „Montafoner Geschichte“: http://montafonergeschichte.blogspot.co.at/2012/05/zwangsarbeit-im-montafon-eine-endlose.html


Hintergrund-Infos und weiterführende Links:

Hintergrund-Infos zu Denkmal in Salzburg: http://www.imschatten.org/01.html

Homepage Vorarlberger Illwerke: http://www.illwerke.at/inhalt/at/722.htm

Wikipedia zu Vlbg. Illwerke: http://de.wikipedia.org/wiki/Vorarlberger_Illwerke

Wikipedia zu Barbara-Kapelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Barbarakapelle_auf_der_Bielerhöhe<;;;;/a

Weiterführende kostenlose Literatur via Malin-Gesellschaft:

Von Herren und Menschen Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933 – 1945

„Bombengeschäfte. Vorarlbergs Wirtschaft in der NS-Zeit“

Bericht über Dissertation zu Zwangsarbeitern und Illwerke: http://vbgv1.orf.at/stories/314574

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4 Antworten zu Umgang mit Beteiligung von ZwangsarbeiterInnen bei Bauprojekten in der NS-Zeit

  1. Kurt Greussing schreibt:

    Lieber Herr Borger, sie haben die beiden obersten Hinweise über die Berichterstattung zu Ihrer Initiative (vol.at und ORF) auf dieselbe URL verlinkt. Das sollten Sie richtig stellen.

    Besten Gruß
    Kurt Greussing

    • mabogsi schreibt:

      Lieber Herr Greussing, vielen vielen Dank für wertvollen Hinweis, sehr aufmerksam. Habs umgehend korrigiert. Das kommt davon, wenn man mit dem ipod touch hektisch bloggt, da geht sowas leider schnell …

  2. Kurt Greussing schreibt:

    Danke für diesen Beitrag und den (neuerlichen) Anstoß der Debatte, der ja nun zu einer Befassung des Kulturausschusses des Vorarlberger Landtages mit diesem Thema führen wird (http://vorarlberg.orf.at/news/stories/2537952/ )

    Weiteres Material zu Fremd- und Zwangsarbeit sowie zu den Illwerken im 2. Weltkrieg gibt es übrigens in den Büchern „Von Herren und Menschen. Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933-1945“ sowie „Bombengeschäfte. Vorarlbergs Wirtschaft in der NS-Zeit“ – beide als PDF zugänglich auf der Website der J.-A.-Malin-Gesellschaft ( http://www.malingesellschaft.at/publikationen/andere-verlage/beitraege-zu-geschichte-und-gesellschaft-vorarlbergs/johann-august-malin-gesellschaft-hg.-von-herren-und-menschen.-verfolgung-und-widerstand-in-vorarlberg-1933-1945 bzw. http://www.malingesellschaft.at/publikationen/vorarlberger-autorengesellschaft-j.-a.-malin-gesellschaft-1/studien-zur-geschichte-und-gesellschaft-vorarlbergs/harald-walser-bombengeschaefte.-vorarlbergs-wirtschaft-in-der-ns-zeit )

    • mabogsi schreibt:

      Vielen Dank für positives Feedback und tolle Links mit weiterführenden wertvollen Materialien. Werde ich umgehend auch im Artikel darauf verweisen.

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